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Sehr Geerter Herr Ministerpräeident

Mittwoch, 31.12.2012  11:44 Selim Çürükkaya
Sehr geehrter Herr Ministerpräsident!
Herzlich Willkommen in Deutschland, in dem alle Sprachen frei gesprochen werden, alle Völker in Freiheit leben! In dem Land, aus dem Sie kommen, hat Ihr Staat die Sprache der Kurden seit 87 Jahren verboten.
 
In Ihrer Regierungszeit wurde erlaubt, in Radio und Fernsehen die kurdische Sprache zu verwenden, an einigen Universitäten wurden Kurse eingerichtet. Aber die kurdische Sprache darf im öffentlichen Bereich noch immer nicht verwendet werden, als Unterrichtssprache wurde sie nicht anerkannt. Die Sprache eines Volkes mit etwa 40 Millionen Menschen nicht als Unterrichtssprache anzuerkennen, sie zu verbieten, sie als Verteidigungssprache vor Gericht nicht zuzulassen – das ist eine Logik, die es allein in Ihrem Land gibt. Sie sind Ministerpräsident eines Landes, in dem die Sprache von etwa vierzig Millionen Menschen  – von denen mindestens 20 Millionen in Ihrem Land leben – verboten ist und dafür gibt es in der Welt kein anderes Beispiel! 
Jedesmal, wenn Sie nach Deutschland kommen betonen Sie, dass die in Deutschland lebenden Türken ihre Muttersprache bewahren und pflegen sollen und Sie sagen: “Assimilation ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit”. Wenn wir unterstellen, dass diese Ihre Ansicht wahr ist, muss man dann nicht zugeben, dass sich das größte Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Ihrem Land ereignet? 
 
 
In diesem Jahr hat der Senat des Bundeslandes Bremen in Deutschland beschlossen, dass die in diesem Land lebenden türkischen Staatsbürger ein Recht darauf haben, in ihrer Muttersprache unterrichtet zu werden. Davon haben Sie sicherlich erfahren. 
 
 
Sehr gehrter Herr Ministerpräsident, die Türken begannen in den 60er Jahren als Arbeitnehmer und Migranten nach Deutschland zu kommen. Obwohl ihre Zahl im Bundesland Bremen 30 000 nicht übersteigt, hat sich der Bremer Senat Gedanken darüber gemacht und den Türken das Recht gewährt, Unterricht in ihrer Muttersprache zu erhalten, ohne dass sie dafür hätten kämpfen müssen. Die Kurden in Ihrem Land sind weder als Arbeitnehmer noch als Migranten eingewandert. Sie leben schon seit 3000 Jahren dort, also bevor Sie (die Türken) nach Anatolien gekommen sind. Und jetzt dürfen sie nicht einmal Unterricht in ihrer Muttersprache erhalten!
 
Sehr geehrter Herr Ministerpräsident, ich möchte keine langen Ausführungen machen, sondern zur Sache kommen. In den Gefängnissen der Türkei befinden sich heute hunderte Gefangene im Hungerstreik oder Todesfasten. Heute ist der neunundvierzigste Tag des Hungerstreiks. Ich weiß auch aus eigener Erfahrung und durch eigene Erlebnisse, dass heute der letzte Tag ist. Von nun an wird es zu Toten kommen. Und eine der Forderungen der Hungerstreikenden ist es, alle über die kurdische Sprache verhängten Verbote aufzuheben. 
 
Aber wenn Sie sagen: “Man erpresst den Staat nicht, man erzwingt Rechte nicht mit Gewalt”, dann werden Sie Menschen töten, die eine berechtigte Forderung stellen! Dieser Staat der Kemalisten hat die kurdische Sprache mit Gewalt, mit Unterdrückung, mit Arglist, mit Intrige und Massakern verboten. Sie sehen das nicht. Sie sind nicht bereit, es zu sehen, sich beim kurdischen Volk zu entschuldigen und dieses Verbot einzustampfen. Sie sagen “Ich werde mich Erpressung nicht beugen” und Sie wollen also, dass dieses Verbot weiterbesteht und Menschen für diese Sache sterben! Wenn Sie diese Ihre Haltung beibehalten, wird die Geschichte nicht gut von Ihnen sprechen. Denn deren Mülleimer ist voll von denjenigen, die wie Sie nichts anderes wahrhaben wollen als was sie zu wissen glauben. 
 
Sehr geehrter Herr Ministerpräsident, einige kurdische Häftlinge möchten sich vor Gericht in ihrer Muttersprache verteidigen und sie sagen, dass Ihre Gerichte gesagt hätten, sie kennten diese Sprache nicht. Haben Sie sich überhaupt Gedanken darüber gemacht, wie und warum so ungebildete Personen Richter und Staatsanwälte geworden sind, welche nicht einmal eine Sprache kennen, die von vierzig Millionen Menschen gesprochen wird, die es seit 3000 Jahren gibt und in der es Fernsehsendungen gibt? Können Sie sich überhaupt vorstellen, dass es ein anderes Land außer dem Ihren gibt, in welchem es verboten ist, sich in seiner Muttersprache zu verteidigen? Sie stolzieren herum und sagen: “Wir waren Herrscher von drei Kontinenten!”, aber Sie sehen nicht, dass Sie in dieser Angelegenheit sogar im Vergleich zu  Tansania in eine lächerliche Situation geraten sind? 
 
Sehr geehrter Herr Ministerpräsident, Abdullah Öcalan ist auf einer Insel inhaftiert, die sich unter der Kontrolle Ihrer Regierung befindet. Nach seiner Rückkehr in die Türkei wurde er lange Zeit von den Generälen der türkischen Armee sowohl gegen das kurdische Volk und seinen Kampf als auch gegen Ihre Regierung instrumentalisiert. Ihre Regierung hat einen erfolgreichen Kampf gegen Ergenekon geführt und hat Öcalan unter ihre Kontrolle gebracht. Von da an durfte Öcalan nicht einmal Besuch von seiner Familie erhalten. Wenn Ihre Regierung Öcalan während dieser Zeit einer neuen Schulung unterzogen haben sollte und beabsichtigt, ihn gegen das kurdische Volk zu instrumentalisieren, wenn das, was wir seit einem Jahr erleben also Theater ist, dann heißt das, dass alles was jetzt abläuft mit Sicherheit eines Tages aufgedeckt werden wird und dass sowohl das türkische als auch das kurdische Volk Ihnen eines Tages mit beiden Händen an den Kragen gehen wird. 
 
Wenn es ein solches Theater aber nicht gibt und wenn Sie die Instrumentalisierung Öcalans durch Ergenekon nicht für richtig halten, warum haben Sie dann verboten, dass Öcalan von seiner Familie und seinen Verwandten Besuch erhält? 
 
Bitte seien Sie nicht wie Öcalan! Als Öcalan noch draußen war und die Organisation führte, hat er organisationsintern die Verhaftung von tausenden Personen beschlossen und ließ sie verhaften; einige von ihnen haben drei Jahre, einige vier Jahre in seinen Kerkern verbracht, die meisten wurden hingerichtet, einige wenige freigelassen. Aber niemand, der in Haft war, konnte auch nur für eine Sekunde seine Familie treffen und niemand hatte einen Anwalt. 
 
Wenn es kein neues Theater geben sollte, so werden Sie wie Öcalan, wenn Sie ihm verbieten, seine Familie zu sehen! Schauen Sie sich an, wie er geendet ist und denken Sie an Ihr eigenes Ende. Wenn es so weitergeht, könnte die Geschichte Sie beide auf ein Blatt schreiben!
 
Das eigentliche Anliegen dieses Briefes ist, dass Sie sofort in Sachen Todesfasten aktiv werden. Die Forderungen der Gefangenen nach der Aufhebung des Verbotes der Sprache und nach Verbesserung  der Bedingungen bei der Verteidigung und in den Gefängnissen sind berechtigte Forderungen. Rechte, die nicht gewährt werden, nimmt man sich. Machen Sie sich keine Gedanken um das Prestige des Staates. Wenn Sie den Staat von einer großen Schmach befreien, nämlich dem Verbot der Muttersprache eines großen Volkes, so werden Sie dem Staat Ansehen verleihen. Wenn Sie sich bei den Gefangenen, die Ihnen zu dieser Gelegenheit verholfen haben, auch noch entschuldigen, so wird dies Ihr Ansehen noch steigern. 
 
Selim Çürükkaya
Mitglied von PEN und des Internationalen Journalistenverbands 
Telefon:             0049 01764443479      
 

Selim Çürükkaya

1954 te Bingöl' de doğdu. Öğretmen okulundan mezun oldu. Siyasi nedenlerle on bir yıl hapis yattı. Gazeteci ve yazar. Yayınlanmış 10 adet Kitabı var. Siyasi mülteci olarak Almanya'da yaşıyor.

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